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Donnerstag, 08. Mai 2008:

Verletzlichkeit: Pergament oder Elektronik

Andreas Kellerhals sprach an der zweiten Veranstaltung der Vortragsreihe Verletzlichkeit. Der Direktor des Bundesarchivs sprach über die Chancen, Risiken und Herausforderungen der elektronischen Archivierung. Sie können hier einen Ausschnitt der Rede lesen oder aber den ganzen Vortrag als PDF herunterladen.


Pergament oder Elektronik: Hat die Vergangenheit noch Zukunft?

Die Antwort heisst: beides! Substitutionsdigitalisierung, Digitalisierung von alten Dokumenten mit anschliessender Vernichtung der Originale haben wir noch nicht vorgesehen. Fragen wir aber«Papier oder Elektronik?» sieht die Sache schon anders aus. Die Aktenberge des 20. Jahrhunderts haben als Objekte nicht die gleiche Bedeutung, wie Pergamentdokumente. Erst auf der Basis konkreterer Aufwand-Nutzen-Erwägungen wird man hier zu rationalen Entscheidungen kommen.

Wird die Vergangenheit Zukunft haben? Das eArchiv hat (s)einen Preis. Es wird voraussichtlich deutlich teuerer sein, als das traditionelle Archiv. Können oder wollen wir uns das leisten? Von der Beantwortung dieser Frage wird die Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Vergangenheit abhängen.

Ich bin nicht nur von der Zukunftsfähigkeit der Vergangenheit überzeugt, sondern ebenso davon, dass wir uns diese Zukunft leisten müssen, denn es geht nicht allein um die Erhaltung von Akten und Archivgut, sondern um Rechtssicherheit, um demokratische Kontrolle der Verwaltung, um eine Basis zur gesellschaftlichen Verständigung über unsere Herkunft. Aktenführung und Archivierung ermöglichen die nachvollziehbare Konstruktion von Selbstbildern.

Archivierung darf nicht nur Spezialisten dienen. Der politische Mensch an sich braucht eine historische Literalität, um seine Zeit in ihrer Gewordenheit zu verstehen. Damit kommen wir zum Aspekt der Identitätsstiftung: Politik hat mit Ethik zu tun. Ethische Fragen sind meist nicht rational eindeutig zu beantworten. Sie zwingen immer zum Positionsbezug und dadurch zur Identitätsbestimmung: nicht «Wer sind wir?», sondern «Wer wollen wir sein?» heisst die Frage. Folglich lässt die Analyse politischer Entscheidungen – nicht der grossen Entscheidungen in der Verfassungs- oder Gesetzgebung, sondern der Alltagsentscheidungen als Verfassungsumsetzung im Verwaltungsakt – auch mit grösserem zeitlichem Abstand erkennen, wer wir sein wollten, wer wir gewesen und wer wir geworden sind. Hier hat die Geschichtswissenschaft eine Mittlerfunktion und kann durch Auswertung von Archivgut Nutzen für das Leben stiften. Im Lichte neuer Werte sind vergangene Entscheidungen oft neu zu beurteilen; das kann zu harten Auseinandersetzungen zwischen den ehemals Aktiven und den heute Analysierenden führen. Solche Auseinandersetzungen sind Voraussetzung für gesellschaftliches Lernen.

Und was kann das Archiv dazu beitragen? Archivgut ist eine Voraussetzung dafür, dass Geschichte immer quellengestützt revidiert werden kann und gleichzeitig brauchen wir es als Mittel wider historischen Revisionismus.

Wir, das Schweizerische Bundesarchiv – als Institution der Aufklärung und Produkt der Helvetischen Republik – nehmen unseren ursprünglichen Auftrag ernst: Wir verwahren gerne, wie uns 1798 aufgetragen, «Dokumente der Gerechtigkeit, der Humanität, des Edelmutes, der Treue und [sogar] des schweizerischen Biedersinns». ABER: Wir verwahren treuhänderisch nur die Spuren vergangenen Handelns. Wenn diese nicht von Humanität und Edelmut zeugen sollten, dann sind wir nur Bote, nicht Verursacher. Wir können die Geschichte nicht ändern, wir können nur sorgfältige Analyse ermöglichen und für fairen Umgang plädieren.

Wenn wir also im Dienste der Guten Regierungsführung staatliches Handelns langfristig überprüfbar und die Akteure verantwortlich halten, dann tragen wir im Sinne unserer Gründerväter zwar nicht direkt zur Aufklärung bei, dazu dass der Mensch den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit finde, aber zumindest dazu – und das wollen wir auch in Zukunft – dass Unmündigkeit eine selbstverschuldete ist. Vergangenheit muss als Geschichte Zukunft haben, deshalb muss die elektronische Archivierung gelingen!

Vortrag Download

Hier können Sie den ganzen Vortrag als PDF herunterladen.

www.risiko-dialog.ch

www.empa.ch

Event Kategorie:
 Verletzlichkeit

Location:
NZZ Bistro
Falkenstrasse 12
Zürich
Google Maps
Doodle this event

Link:
www.risiko-dialog.ch/verletzlichkeit

Programm:

  • 18.15 Begrüssung
  • «Chancen, Risiken und Herausforderungen der elektronischen Archivierung»; Andreas Kellerhals, Direktor Schweizer. Bundesarchiv

  • «Wie verändert sich das Gedächtnis der Gesellschaft durch die Digitalisierung der Medien?»; Peter Haber, Historiker, Universität Basel

  • «Technische Aspekte rund um Archivierung»; Krystyna Ohnesorge, Schweiz. Bundesarchiv, Innovation und Erhaltung

  • Expertengespräche

  • 21.15 Apéro

 


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