Chaostreffs:

Warum sich Menschen freiwillig mit Informatik beschäftigen

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04. August 2008 / Foto by Chaostreff

«An den Chaostreffs beschäftigen wir uns in der Freizeit mit Informatik und
Technik.» Wer eine solche Aussage von sich gibt, darf – trotz der inzwischen grossen Verbreitung von Informatik – mit verständnislosen Blicken rechnen. Weshalb sollte sich jemand freiwillig mit Technik und Informatik beschäftigen?

Die Autoren sind an Chaostreffs in Aargau und Zürich aktiv.

Allzu überraschend kommen die verständnislosen Blicke zwar nicht – verbinden doch viele Menschen mit Informatik in erster Linie Computer, die immer zu langsam sind, die ganze Zeit abstürzen und sowieso überhaupt nie machen, was sie sollten. Insofern erstaunt es nicht, dass Informatik von vielen als langweilig angesehen wird. Doch eigentlich sind die Computer für die Informatik in erster Linie einmal gar nicht so wichtig. So sagte einst Edsger W. Dijkstra, einer der wichtigsten Informatiker des 20. Jahrhunderts, «In der Informatik geht es genau so wenig um Computer, wie in der Astronomie um Teleskope.» Vielmehr geht es darum, Probleme zu abstrahieren und Lösungen zu finden – beispielsweise in der Form von Algorithmen.

Doch zurück zur Frage, weshalb sich jemand freiwillig mit Technik beschäftigt. Stellte man diese Frage einigen der Teilnehmer an Chaostreffs, so erhält man entsprechend der Vielfalt der Chaoten auch diverse Antworten.

Gemeinsam haben viele Hacker die Neugier und den Spieltrieb. So erklärt einer: «Ich wollte schon als Kind alles auseinanderschrauben und schauen, wie es funktioniert. Das ist bis heute so geblieben.» Ein anderer meint: «Ich habe oft Ideen, wie man die Funktionalität von Geräten erweitern könnte. Dazu, muss ich aber verstehen, wie die Geräte funktionieren.» Als Beispiel nennt er sein Mobiltelefon, welches er so umprogrammiert hat, dass er mit der eingebauten IR-Diode andere Geräte fernsteuern kann. «Das ist z.B. nützlich, wenn irgendwo ein Fernseher läuft, der mich nervt.» Damit spricht er etwas an, was vielen der Teilnehmer am Herzen liegt: «Heute ist es oft so, dass der Technik die Kontrolle über die Menschen gegeben wird – beispielsweise mit der rasanten Ausbreitung von Überwachungskameras. Ich finde, es sollte umgekehrt sein – die Technik sollte den Menschen dienen. Wenn etwas stört, schaltet man es besser einfach aus.»

Gelegentlich wird auch Bequemlichkeit als Motivation zur Beschäftigung mit Computern erwähnt: «Das Schöne an Computern ist, dass man ihnen beibringen kann, Arbeit selbst zu erledigen. Statt eine Arbeit von Hand zu machen, programmiert man einfach einen Computer dafür – das macht viel mehr Spass.» Auch der Aussage, Computer seien langweilig, wird damit widersprochen: «Im Gegenteil: Der Computer nimmt mir alle eintönigen Arbeiten ab - übrig bleiben nur die interessanten Probleme, deren Lösung Kreativität und Intelligenz erfordert.» Ein anderer ergänzt: «Ich überlege mir dauernd, ob sich eine Aufgabe nicht einfacher lösen lässt. Das bezieht sich jetzt nicht nur auf Informatik. Einmal sollte ich z.B. eine grössere Menge Kartoffeln waschen – da kam ich auf die Idee, die Dinger in den Geschirrspüler zu verfrachten; nach 10 Minuten waren sie sauber.» Ein solcher 'kreativer Missbrauch von Technik' wird als 'Hack' bezeichnet.

Ein weiteres Thema, das nicht unerwähnt bleiben darf, ist Kunst. Einige der Computer-Fanatiker aus dem Umfeld der Chaostreffs sehen die Computer vor allem als Mittel zur Erschaffung von Kunst: «Egal ob Bild oder Ton, fast alles wird heute mit Computern erschaffen, oder zumindest bearbeitet.»

Einer anderer Chaot zieht zur Erklärung der Faszination von Technik Fussball als Vergleich heran: «Alles, was es an sich braucht, um Fussball zu spielen, ist ein Fussball und ein paar Spieler. Ein Fussball ist relativ einfach zu besorgen – und ich glaube, für Computer verhält es sich heute genauso. Nun, ein Fussball ist an sich eine relativ langweilige Angelegenheit. Die Frage ist, was man damit macht! Man kann versuchen, mit den Ball zu jonglieren, man kann ihn abwechselnd gegen eine Wand spielen, oder man veranstaltet einen Match - den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Und genauso verhält es sich auch mit dem Computer. Die Möglichkeiten, die ein Computer bietet sind im Vergleich zu den Anschaffungskosten enorm! Allerdings: Genauso wie man erst lernen muss, mit einem Fussball umzugehen, bevor man Fussball spielen kann, muss man auch erst lernen, mit dem Computer umzugehen und seine Funktionsweise zu verstehen, bevor man seine Möglichkeiten voll ausnutzen kann.»

Schlussendlich - und hier herrscht zur Abwechslung mal Konsens unter den Chaoten - gibt es vor allem einen Grund, weshalb wir uns in der Freizeit mit Informatik beschäftigen: Weil es Spass macht.

Chaostreffs

Chaostreffs sind Treffen von Menschen, die sich für Technik und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft interessieren. Die Chaostreffs sind lose mit dem Deutschen Chaos Computer Club (CCC) verbunden. Mehr Informationen zum CCC gibt es unter Ccc.de. Informationen zu den Chaostreffs in der Schweiz finden sich unter Chaostreff.ch. Die Autoren sind an Chaostreffs in Aargau und Zürich aktiv.

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