
12. March 2008 / Foto by Flickr User pokpok313. Creativecommons.org
Die Kriminalität im Internet erfreut sich höchster Zuwachsraten. Kein Grund für Pessimismus, meinen Fachleute. Wichtig ist die Förderung des Risikobewusstseins.
Artikel von Netzwoche Autor Alessandro Monachesi
2007 scheint in Bezug auf Internetgefahren ein ruhiges Jahr gewesen zu sein. Aber der Schein trügt: Immer neue Angriffsvarianten werden ausgeheckt, immer raffiniertere Tricks ausgetüftelt. Während etwa laut der Meldestelle des Bundes Melani die Zahl der klassischen Phishing-Mails mit einfacher Passworteingabe in Schweizer Netzen 2007 abnahm, stieg gleichzeitig die Verwendung ausgeklügelter Malware an, um illegal an E-Banking-Zugangsdaten zu kommen. Und gemäss einem Bericht des IT-Security-Spezialisten Tend Micro entwickelten sich webbasierte Angriffe im vergangenen Jahr zur grössten Bedrohung für Unternehmen und Privatanwender: Von Anfang 2005 bis Ende 2007 stieg deren Aufkommen um unglaubliche 1564 Prozent. Im Gegensatz zu früher stehen hinter Internetattacken oftmals keine Einzelpersonen, sondern organisierte Gruppen. Melani spricht in einigen Fällen gar vom Verdacht auf staatliche Industriespionage. Man könnte sagen: Das Internetverbrechen boomt.
Droht der Informationsgesellschaft also angesichts der zunehmenden Bedrohung der Kollaps? Von solchen Untergangsszenarien mag ETH-Sicherheitsexperte Stefan Frei nichts hören. Er spricht von der Informationsgesellschaft als einem «komplex-adaptiven System»: «Tritt eine neue Gefahr auf, arrangiert man sich mit ihr und findet einen Weg darum herum.» Auch Marc Henauer von Melani winkt ab: «Die Informationsgesellschaft bleibt nicht hilflos kriminellen Elementen immer und ewig auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.» So werde die Anpassung internationaler Gesetze wie der Cybercrime Convention des Europarates die Strafverfolgung bei Internetdelikten vereinfachen. Henauer rechnet deshalb mit zunehmenden Erfolgen bei der Bekämpfung der Cyberkriminalität.
Dass das Internetverbrechen noch immer steigt, verwundert Marc Henauer von Melani keineswegs: «Das kommt daher, dass vermehrt der Benutzer das eigentliche Ziel von Angriffen wird.» Der User ist eben meist das schwächste Glied in der Sicherheitskette. Beide Experten betonen die Wichtigkeit, das Bewusstsein der Anwender für die Gefahren zu stärken. Des Themas Internetkriminalität hat sich deshalb auch das Jahr der Informatik innerhalb der Veranstaltungsreihe zur Verletzlichkeit der Informationsgesellschaft angenommen. Unter dem Grundsatz: «Wer nicht selbst Opfer werden will, muss die Tricks der Betrüger kennen», zeigen Experten, darunter Frei und Henauer, an konkreten Beispielen, wie die Verbrecher operieren.