
18. Januar 2008 / Foto: Florian Kalotay
Madleina Scheidegger ist ursprünglich Schweizerin - den grössten Teil ihres Lebens verbrachte sie aber im Ausland. Im Alter von zehn zog ihre Familie nach Mocambique, da ihr Vater für die Schweizer Entwicklungshilfe arbeitete. Vier Jahre später zog sie mit ihrer Mutter und Schwester nach Südafrika, wahrend ihr Vater in Angola tätig war. Sie studierte am MIT in Boston, und nach dem Master zog es sie wieder in die Schweiz zurück. Ihre Mutter erzählte ihr, dass Google in der Schweiz einen Standort hat und ermutigte sie, sich bei Google zu bewerben.
Was machst du?
Am Arbeitsplatz: Ich bin Softwareentwicklerin für Google. Das heisst, dass ich Programme entwerfe und realisiere, Fehler beseitige und die Programme überwache, sobald sie aufgeschaltet sind. Genauso bin ich für Updates meiner Programme verantwortlich. Ich bin von Anfang bis Schluss bei Entwicklungsprojekten involviert. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich an Google Base (http://base.google.com/) – einem strukturierten Informationsspeicher. Ich entwickle am Public API und am Administrations Front End von Google Base.
In der Freizeit: Ich mache sehr viel Yoga und Pilates. Ich liebe Bücher und reise sehr gerne zu meinen Freunden, die auf der ganzen Welt verteilt leben. Normalerweise hat meine Freizeit nichts mit Technologie zu tun, und ich bin auch nicht so an Gadgets interessiert. Ich bin sehr glücklich mit einer nicht technischen Lösung, wenn ich nicht bei der Arbeit bin. Zwischen der Arbeitswelt und dem privaten Leben muss es einen Ausgleich geben. Wenn ich keine Softwareentwicklerin wäre, würde ich mich zu Hause sehr stark mit technischen Gadgets auseinander setzen. Aber so schalte ich daheim gerne einen Gang zurück und beschäftige mich mit nicht technischen Dingen.
Warum hast du dich für die Informationstechnologie entschieden?
Ich wählte die Informatik, weil mich Computer faszinierten. Als wir nach Mocambique zogen, bekam meine Familie den ersten Computer. Mich interessierten die Games aber nicht wirklich. Was mich faszinierte war, dass diese Maschinen eigentlich gar nichts selber machen können und eigentlich für sich dumm sind. Aber da gab es Leute, die genug gescheit waren, sie so zu programmieren, dass sie uns helfen können. Sobald jemand ein Programm schreibt, hat der Computer ganz neue Fähigkeiten. Diese Fähigkeit, etwas Nicht-Menschliches Dinge lernen und machen zu lassen, ist verblüffend, und ich entwickelte schon sehr früh ein Interesse an künstlicher Intelligenz.
Was fasziniert dich daran?
Wie schon erwähnt, wäre ich nicht in diesem Gewerbe, wenn es mich nicht faszinieren würde. Meine Motivation in diesem Bereich zu arbeiten ist in erster Linie eng verknüpft mit meiner Faszination dafür.
Wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben aus?
Es gibt keinen typischen Tagesablauf, wenn man Softwareentwicklerin ist! Für mich ist es zurzeit sehr facettenreich und ich mag das so, sonst wäre ich schnell gelangweilt. Es ist immer Abhängig davon, in welcher Phase des Projektes ich gerade stecke. An einem Tag entwerfe ich, überlege wie die Ausführung sein könnte und mache mir Gedanken über die zu erfüllenden Ansprüche. An einem anderen Tag entwickle ich, codiere, teste und bereinige Fehler. 80-90 Prozent der Zeit bin ich in die Technik vertieft. Wir haben hier bei Google bemerkenswert wenig Papierkram zu erledigen – so sind wir den Rest der Zeit in Diskussionen über die Projekte vertieft.
Was ist der interessanteste Teil an deiner Arbeit bei Google?
Ich denke das Interessanteste ist, dass wir ein Projekt von Anfang bis Schluss begleiten. Ich baue ein Projekt auf, gestalte es und kenne den ganzen Hintergrund. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich in erster Linie auf die Ausführung konzentrieren kann – und trotzdem weiss, woher die Idee kommt. Es ist sehr interessant, dass ich die Details des Algorithmus entwickeln und codieren kann, um so die wichtigen Entscheidungen selber treffen zu können, die dann mein Projekt längerfristig beeinflussen. Dazu arbeite ich an sehr spannenden Projekten. Das Spannendste ist nicht unbedingt die Problemstellung oder das Projekt selber, sondern vielmehr, dass wir mehr Daten bearbeiten müssen als andere. Vielleicht gibt es eine Standartlösung für ein Problem, aber die Wahrscheinlichkeit, dass diese zu langsam ist, ist gross, und wir bei Google erwarten nun mal viel mehr von einer Software.
Warum sollte eine junge Person eine Informatikkarriere wählen?
Ich denke, sie sollte es sich überlegen, weil es ein sehr schnelllebiger Sektor ist. Es ist perfekt für Menschen, die gefallen an täglicher Abwechslung haben und für solche, die gerne Probleme lösen. Es ist kein Karriereweg für Leute, die alles gerne vorhersehbar haben. Ich denke, es gibt sehr viele interessante und faszinierende Probleme zum Lösen. Es ist ein junges Business und wir gehen täglich an die Grenzen des Möglichen. In ähnlichen Wissenschaften wie Chemie oder Physik sind viele Rätsel schon gelöst. Computerwissenschaften hingegen sind witzig, weil man selbst die Person ist, die Neues entdeckt. Man hat die Möglichkeit das Leben der Menschen zu verändern. Ich geniesse es, etwas zu entwickeln, das andere Menschen benutzen können. Wie viele Menschen und Industriezweige können schon sagen, dass 10'000 Menschen das Produkt, an dem man arbeitet, benützen? Es ist kein Produkt aus dem Regal eines Lebensmittelladens und wir müssen niemanden davon überzeugen hereinzukommen, um es auszuprobieren. Sie finden es irgendwann und benutzen es.
Jemand, der in dieser Branche arbeitet, muss nicht an den neuesten und besten Gadgets interessiert sein. Weder muss man Star Wars noch Science Fiction lieben. Es ist eine falsche Annahme, wenn man meint, man müsse das lieben, um ein grossartiger Wissenschaftler zu werden. Auch muss es noch lange nicht heissen, dass wenn man nicht gerne am Computer spielt, man nicht Freude an der Informatik haben kann. Hingegen sollte man Mathematik gerne haben und genauso ein gewisses Vorstellungsvermögen besitzen. Kinder, die gerne logisch denken, werden ihren Spass an der Informatik haben. Die Herausforderung ist es, sich nicht mit Standardlösungen zufrieden zu geben, sondern ein Problem auf einem neuen und besseren Weg zu lösen.